PROLOG „Ich weiß nicht, ob eine Buchautorin sich selbst vorstellt, aber all die vielen Worte dieser Geschichte wurden von mir selbst durchlebt und mein einziger Wille ist es nun, der Welt davon zu berichten; eben so, wie es sich für eine gute Journalistin gehört. Mein Name ist Susan, meine persönlichen Daten spielen keine Rolle, weil ich nur Bote bin. Vieles über mich erfährt man ohnehin beim Lesen der Tausenden von schwarzen Buchstaben, die nun folgen. Als Erzählerin ist es natürlich meine Pflicht, für eine kurze „Buchrückenangabe“ zu sorgen, was nicht ganz einfach ist – so viele Ereignisse zu bündeln. Wie seit Anbeginn der Zeit üblich, handelt auch meine Geschichte von Macht, Intrigen, Leid und Liebe; nur dieses Mal begleitet von einem überwältigenden Aspekt, der von unserer modernen, ach so aufgeschlossenen Zivilisation hartnäckig fast geleugnet oder zumindest verdrängt wird, nämlich dem unsinnigen, zweidimensionalen Geschlechtergefecht jäh ein Ende zu bereiten und zu erkennen, dass Mann und Frau die imaginäre Waage der Gerechtigkeit der Welt ausbalancieren müssen, um unsere Seelen zu retten. Meine Seele war ein leidvoller Trümmerhaufen, vor zwei Jahren. Wie etlichen Erdenbürgern es geschieht, begegnete auch ich einem Teil meines Lebens, welchen man am lebendigen Leibe aus sich herausschneiden würde, wenn dies möglich wäre. Ein großer Zellklumpen, anders kann ich diese Kreatur heute nicht mehr betiteln, tat mir Gewalt an und brach meinen Mut zum Leben in einer grausam langsamen und würdelosen Prozedur. Ich wandelte als kybernetischer Organismus einer Maschinenwelt, nur noch auf die Vitalfunktionen reduziert, auf unserem herrlichen Planeten umher; bis zu jenem magischen Tag einer Begegnung, der Prophezeiung und Prüfung der hohen Mächte des Universums. Durch eine schicksalhafte Fügung (so mögen es wohl Fatalisten nennen) oder Bestimmung übergeordneter Wesen, wer weiß das schon so genau, erblickte vor 32 Jahren in einem kleinen Bauerndorf Oberägyptens ein Kind das Licht der Welt, versehen mit einer Aufgabe. Eine Art menschgewordener Schlüssel zur Erdenschatztruhe, unsere Zukunft gegen todbringende, machthungrige Fanatiker zu verteidigen. Nur, wer jetzt eine Parallele zum neutestamentarischen Auftritt von Jesu auf Erden vermutet, den muss ich enttäuschen. Dieses Kind IST Mensch und nicht Günstling der Götter; lediglich mit einer Winzigkeit ausgestattet, welche es zu einem einmaligen Individuum auf unserem Planeten macht. Es ist die Geschichte von „Re Harachte Amon Al Said“, sehr kurz und sehr treffend RAGE genannt, und seinem Kampf um neue Ressourcen unserer Zivilisation. Keine Rohstoffe sind hier gemeint, sondern schlichte biochemische Prozesse in jenen angeblich so hoch entwickelten Hirnwindungen unseres humanoiden Schädels. Rage ist anders, irgendwie neu und wahrhaftig. Er nimmt Unterschiede zwischen unseren irdischen Geschlechtern nicht in der Form wahr, wie wir es bislang taten; er differenziert nicht Kraft, Haarfarbe, Sprache oder Religion, denn sein Wesen ist angetrieben von der Macht der Evolution. Er ist die Zukunft in einer Welt, unserer Welt, die längst zur Vergangenheit gehört. Achte darauf, falls du in einer überfüllten U-Bahn neben dir einen ernsten, jungen Mann mit schwarzen, langen, glatten Haaren bemerkst, dem eine knallrote Strähne ins Gesicht fällt. Es könnte Rage sein …“ Extrakte aus der Original Buch-Fassung / book teaser
CHAPTER 01 (KEYSCENE 1 / TRACK 2 Soundtrack) Vom Vater hab ich die Statur, Des Lebens ernstes Führen, Von Mütterchen die Frohnatur Und Lust zu fabulieren. Urahnherr war der Schönsten hold, Das spukt so hin und wieder, Urahnfrau liebte Schmuck und Gold, Das zuckt wohl durch die Glieder. Sind nun die Elemente nicht Aus dem Komplex zu trennen, Was ist dann an dem ganzen Wicht Original zu nennen? (J. W. v. Goethe) „Auch Goethe erkannte, dass Einzelmerkmale über Generationen hinweg erhalten bleiben …“ Hendrikson räusperte sich kurz. „Dass also auch solche Detailinformationen von den Eltern auf die Kinder weitergegeben werden, ähm, vererbt werden MÜSSEN.“ Streng betonte er das letzte Wort. „Jahrhundertelang sprach und diskutierte man darüber, dass es eine Vererbung gibt. Wie sie jedoch funktioniert, DAS blieb im Dunkeln“, wieder eine scharfe Betonung von Hendrikson, „bis in der Mitte des vorigen Jahrhunderts ein Augustinerpater namens Gregor Mendel eine Idee hatte.“ Hendrikson genoss sichtlich seine kompetente Ausführung zum Thema „Herausforderung Gentechnologie“ vor den Kongressteilnehmern des winterlichen Helsinki; den Namen >Gregor Mendel< untermalte er dabei stimmlich, als würde er einen großartigen Oscargewinner ansagen. Der normlichtdurchflutete Vorlesungssaal war voll besetzt. Hendrikson lächelte fast sympathisch, seine strengen Nasolabialfalten drängten sich nicht ganz so in den Vordergrund seines scharf-geschnittenen Gesichtes wie sonst. Er fuhr nach einer Bruchteil-Rhetorik-Pause gekonnt fort: „In den fünfziger Jahren wurden in der Medizin erstmals in größerem Umfang Antibiotika gegen Krankheitserreger eingesetzt. Bereits damals mussten Mediziner und Biologen jedoch feststellen, dass viele Bakterien rasch resistent werden, das heißt, es treten Bakterienstämme auf, denen Antibiotika nicht schaden, ich erzähle Ihnen nichts Neues …“ Seine fazialen Lebenslinien traten wieder stärker hervor. „Tja, das ist im Prinzip auch nichts Besonderes, der Erbbrief passt sich im Wege der Evolution an die veränderten Verhältnisse an. Überraschend aber war die Geschwindigkeit, mit der dies geschah. Dass sich Bakterien so außerordentlich rasch an die geänderten Bedingungen anpassen würden, war nicht vorherzusehen. Die Forscher nahmen daher schon damals an, dass es bei Bakterien so etwas wie, hm, horizontalen Informationsaustausch geben müsste.“ Schon seit Langem war mein Interesse an der Gentechnologie sehr groß und ich hoffte, während des diesjährigen Weltmeetings der Mogule dieser umstrittenen Wissenschaft ein Essay für die Zeitung >Ethik & Wissen< verfassen zu können. Ich versuchte darum, mich mit den Gepflogenheiten und dramaturgisch wertvollen Darbietungen der Dozenten und vor allem den knüppelharten, unbequemen Holzsitzen der Vorlesungssäle abzufinden. Irgendwie sah man mir jedoch bereits an, dass ich seit gut acht Stunden etwa einem Dutzend Vorträgen lauschte, und bevor ich erschöpft in einen oberflächlichen Schlaf versank, nahm ich noch das verständnisvolle Kopfnicken meines linken Sitznachbarn wahr. Als würde mir jemand eine Fliegenklatsche über die Ohren ziehen, fing die Versammlung an zu applaudieren und ich fuhr aus meiner traumlosen Erholungsphase auf. Ich schaute mich verwirrt um, innerlich hatte mein Gehirn gerade im Kopf, wie eine Anästhesistin gleich flüstert: – Es ist alles gut gegangen, Sie haben die OP gut überstanden – Mein informationsüberladener Kopf registrierte einen rundbebrillten, leicht pummeligen Wissenschaftsassistenten, der mit behäbiger Würde einen Overheadprojektor vor dem gegenwärtigen Redner aufbaute. Hendrikson! Ich war erleichtert. Dann hatte ich ja nicht allzu lange geschlafen, er hatte seinen Vortrag noch nicht beendet. Mein Sitznachbar bemerkte, wie sich meine Stirn in Falten legte, und fragte interessiert, ob mir denn die Ausführungen des Professors Dr. Sören Hendrikson nicht gefielen, der in Stockholm seinen vorbildlichen Studien zum Sieg über weltbedrohende Seuchen seit über zwei Jahrzehnten nachgeht und auf diesem Kongress ein lang ersehnter Gastdozent ist, hatte er doch bereits zweimal in den Jahren zuvor sein Erscheinen abgesagt. Ich erwiderte, fast entrüstet, dass es nicht der Vortrag sei, der mich ins Grübeln bringt, sondern die Tatsache, ein so innovatives Konsortium noch mit mittelalterlichen Overheadprojektoren und Folien arbeiten zu sehen, anstatt sich der computerunterstützten Animation zu bedienen, was bei meinem Mitstreiter sofort auf Zustimmung stieß und er anerkennend wild nickte. Die kalte Saalbeleuchtung wurde heruntergedimmt, Hendriksons Ausführungen kamen nun zu einem außerordentlich interessanten Abschluss. Zuvor ordnete er mit prüfendem Blick seine OH-Folien, nahm einen Schluck aus dem bereitgestellten Wasserglas und fuhr fort: „Die auf der Plasmid-DNA verschlüsselte Information ist für Bakterien nicht lebensnotwendig, sie können durchaus auch ohne Plasmide existieren, was man in den sechziger Jahren herausfand.“ Hendrikson beugte seinen grau melierten, etwa sechzig Jahre zu beziffernden Denkerschädel in das diffuse, gedämpfte Licht des Projektors, um seine Folie auf der Opalglasscheibe zu positionieren. „Auf den Plasmiden steht aber manches geschrieben, was den Bakterien in besonderen Fällen zum Vorteil gereicht … da steht zum Beispiel, wie man bestimmte Stoffe als Nahrungsquelle nutzen kann, wie man bestimmte Giftstoffe unschädlich macht und eben auch, wie man mit einem bestimmten Antibiotikum fertig wird.“ Mit seinem Teleskopzeigestock kreiste Hendrikson auf der grafischen Abbildung einen Plasmidkringel ein, um seine Erläuterung bildlich zu verstärken. „Solche Plasmide können nun, mitsamt ihrer Zusatzinformation, relativ leicht von Bakterium zu Bakterium übertragen werden.“ Hendrikson unterbrach, als er aus den Augenwinkeln einen hektisch winkenden, wissbegierigen Junggenologen wahrnahm und, mit einer zustimmenden Handbewegung, eine Zwischenfrage erlaubte: „Herr Professor, sollte es nicht möglich sein, DNA-Stücke mithilfe eines Plasmids in eine Zelle, na ja, sagen wir, 'hineinzumogeln'?“ Leichtes, sonores Gelächter zeigte, dass diese Frage für die Anhängerschaft des Professors und anwesende Obergelehrte wohl sehr unnötig schien. Hendrikson nahm es gelassen und entgegnete mit pädagogischer Gutmütigkeit: „Aber natürlich, sicher ist Ihnen während des Studiums das Prozedere mit Kalziumsalzen erklärt worden, welches sogar störrische Kolibakterien zur Aufnahme von Plasmiden zwingt …“ Wieder einige Lacher aus den Zuhörerrängen. „Nun, wenn die DNA in der Zelle angekommen ist, heißt das noch lange nicht, dass ihre Information auch ausgewertet wird. Diese Schwierigkeiten sind sicher mit daran schuld, dass die Gentechnik intensiv nach anderen Methoden gesucht hat, um die 'richtige DNA', das richtige Gen zu erhalten … eine dieser Methoden soll im Folgenden etwas genauer beschrieben werden. Dazu müssen wir in Gedanken zunächst zu den Viren und ihren Eigenschaften zurückkehren.“ – Neue Folie. „Wie Sie wissen, schleusen Viren ihre eigene Erbinformation in eine lebende Zelle hinein. Nun gibt es bestimmte Viren, deren Information nicht auf DNA, sondern auf RNA geschrieben steht.“ Hendriksons graublaue Augen weiteten sich ausdrucksvoll. Mein Sitznachbar knuffte mich leicht mit dem Ellbogen in die Seite und wies mich aufgeregt auf das Spezialgebiet des Professors und seiner Forschung hin, welches nun zur Sprache kommen sollte. „Aha“, antwortete ich kurz und versuchte mich angestrengt, mit schwindender Konzentrationsfähigkeit, schnell wieder dem Vortrag zuzuwenden. „RNA ist Bestandteil ALLER Zellen.“ Hendrikson knisterte dramatisch wild mit den Folien, als er die nächste Abbildung auf den Projektor bettete. „Bei der Auswertung der Erbinformation kopieren alle lebenden Zellen ihren DNA-Erbbrief zunächst einmal in RNA um, man könnte es neusprachlich als eine Art 'Backup' bezeichnen. Dringt ein RNA-Virus in die Zelle ein, dann entfällt das Kopieren, denn die Information des Virus liegt ja bereits in RNA-Form vor und kann daher direkt ausgewertet werden. Bei der Infektion einer weiteren Zelle wird diese Information dort mit eingeschleust.“ Hendrikson verstummte kurz und nahm einen weiteren Schluck Wasser. „Naheliegend, dass Gentechniker versuchten, diese Fähigkeit auch für ihre Zwecke zu nutzen.“ Als ich am Abend, kurz nach dem Kongress, mit bleischweren Beinen, erst durch den finnischen Schnee stapfte, dann hundemüde die Hotelhalle betrat und meine Sehnsucht nach dem wäschestärkeduftenden Hotelbett wirklich nicht mehr verbergen konnte, erkannte ich plötzlich die Stimme Professor Hendriksons in der Lounge. Ich lokalisierte ihn links von mir; dort stand er unverkennbar an der Bar, aufgeregt mit seinen schmalen, langen Händen gestikulierend, neben ihm ein Mitglied der Ethikkommission. Bis heute kann ich nicht vergessen, wie mich der eiskalte Blick dieses Mannes mit zitterndem Grauen erfüllte, als er mich über die Schulter des Professors wahrnahm, ohne dass ich zu diesem Zeitpunkt wusste, in welche Augen ich gesehen hatte.
CHAPTER 02 Der Rückflug von Helsinki nach Berlin war traumhaft schön. Aus dem Flugzeugfensterchen blickte ich über weit verschneite Landschaften und ließ die Genetikkonferenz nochmals in meinem Gehirn ablaufen und ordnen, während ich gleichzeitg bereits alle wichtigen Details für mein Essay in mein Blackberry tippte. Ich hatte extra den frühen Flug genommen, weil ich nachmittags unbedingt in der Redaktion sein wollte; hatte es meinem Kollegen „Brenni“ versprochen. Er war zu diesem Zeitpunkt etwas überfordert, denn im Januar standen immer besonders viele Angelegenheiten im Terminkalender, nach der Weihnachtsflaute. Aber im Moment hatte ich keinen Kopf für andere Themen, der Vortrag von Professor Hendrikson beeindruckte mich schwer und ich wollte unbedingt mehr über seine Forschungsansätze erfahren. Dafür gab es einen persönlichen Grund: Ich liebe Pflanzen und züchtete seit einigen Jahren eigene Exemplare in meiner Küche. Zum Kochen kam ich sowieso kaum und der Raum eignete sich durch das große Fenster und die helle Südlage ideal. So baute ich gegenüber der Kochzeile eine Art Wintergarten aus gestapelten Blumenbänken, die ich aus einer Gärtnerei billig abstaubte. Ich las entsprechende Literatur, bildete mich fort und seit Kurzem besaß ich sogar eine Software der Firma „cyboplant“, mittels derer man die Zucht von Pflanzenzellen am Computer simulieren kann. Ein fantastisches Programm! Man kann sich so realistisch vor Augen führen, wie die Pflanzen unserer Zukunft aussehen würden; unter anderen Bedingungen, anderer Atmosphäre. Damit verbrachte ich viel Zeit neben meiner Arbeit als Journalistin. Ich dachte in Momenten der Erkenntnis über die Zukunft oft an meine eigene; denn ich hatte meiner Vergangenheit den Krieg erklärt und sah in der Zukunft eine Chance, auch meine persönliche Schlacht zu gewinnen. Nur leider blieb mir verborgen, mit welchen Mitteln dies geschehen würde. Das war sicher ein Grund, warum mich das Erschaffen von Leben so faszinierte; meine eigene Suche nach besseren Bedingungen. Ich möchte damit sicher nicht ausdrücken, dass ich ein unzufriedener Mensch war – aber nein. Mein Job ist meine Leidenschaft, nicht nur Profession. Ich wohnte in einer wunderschönen Designerwohnung, mit diversem Schnickschnack, fuhr einen schnellen Sportwagen und hatte stets genug Geld auf dem Konto. Ich war erfolgreich, hatte immer irgendetwas zu tun und war auch als Frau keine Mängelware. Jedoch gab es Augenblicke, da beschloss ich, voller Mängel zu sein; und ich nahm an, meine Erfahrungen mit Menschen, insbesondere mit Männern, hätten dies in mir ausgelöst. Dann empfand ich unbändigen Zorn. Wie in einer Art Anfall trat dann in mir etwas zutage, das ich nicht einordnen konnte, und gegenüber Unbeteiligten schämte ich mich dafür. Bereits in meiner Kindheit verfügte ich über die Eigenschaft der Verdrängung in hohem Maße. Auf Probleme in der Schule reagierte ich mit Abschottung, nicht aus Trotz, sondern weil ich der Meinung war, so besser mit Schwierigkeiten klarzukommen. Mir wurde damals schon von Lehrkräften und Pädagogen Begabung auf naturwissenschaftlichen Gebieten und besondere Selbstdisziplin bescheinigt; ich war nie der Typus für oberflächliche Saufpartys oder Aufreißergeschichten in meiner Jugend. Was mich in den Bann zog, war gerade das, was man nicht im Offensichtlichen sehen konnte; alles, was Menschen im Alltag begegnete, war mir zu profan, zu plakativ, deutlich durchschaubar und zu berechenbar. Dinge, die im Verborgenen lagen, zogen mich magisch an und oft genug verlor ich dabei meine Orientierung und die Einschätzung der Realität. Meine Pflanzenwelt brachte dann wieder Struktur in mein Leben. Also freute ich mich nach meinem Aufenthalt in Helsinki wieder auf meine eigenen vier Wände, goss in Gedanken bereits meine Lieblingspflanzen und tupfte mit dem Finger in die Blumenerde, um den Grad der Feuchtigkeit zu bestimmen. Zweieinhalb Flug- und Fahrstunden später holte mich die Wirklichkeit ein und ich stand mit meinem Koffer im Flur meiner Wohnung im Berliner Stadtteil Charlottenburg, ärgerte mich mal wieder über einen unkooperativen Taxifahrer, aber nur so lange, bis ich in der Küche meine Pflanzengalerie in Augenschein nehmen konnte und mit großer Erleichterung feststellte, dass es all meinen Schützlingen gut ging. Die Jalousien hatte ich vorausschauend auf Halbmast gesetzt, um die empfindlichen Sorten vor der Mittagssonne zu schützen. Eigentlich war die Küche der einzige Ort in der Wohnung, der eine Emotionalität preisgab. Ansonsten offenbarte sich einem Besucher nirgends meine Persönlichkeit. Ich legte Wert darauf, dass das so war, denn ich fürchtete die Analyse anderer. So mutete jedes einzelne Zimmer an, als würde man durch ein Möbelhaus wandeln. Die Sterilität machte mich zufrieden, denn sie umhüllte meine Sehnsüchte mit einer perfekten Schale aus undurchdringlichem Material. Kein Durchkommen für Fremde. Ich war in jener Zeit auch sehr pedantisch und räumte jede Minute hinter mir selbst her. Damals wusste ich noch nicht, dass sich so die ersten Anzeichen meiner Selbstzerstörung zeigten. Ich war überzeugt davon, es ginge mir gut. Und wenn dies mal nicht so war, trugen immer andere die Schuld und ich reduzierte meine Selbstkritik auf die Feststellung, wieder einmal einem Feind begegnet zu sein. Kurz vor halb drei Berliner Zeit schob ich den letzten Bissen eines Schinkenbrötchens vom Flughafen Tegel in meinen Mund und machte mich mit frischer Optik und Klamotten auf den Weg in die Redaktion. Ich hätte auch mit der U-Bahn fahren können, aber ich war zu lauffaul, klemmte mich daher hinter mein Alfa-Lenkrad und fuhr zum Potsdamer Platz. Mein Arbeitgeber nannte sich „Panorama Presse“; nicht ohne Grund, lag die Redaktion doch im siebten Stock eines Büroturms mit einem sagenhaften Ausblick über die Großbaustelle des Potsdamer Platzes. Als ich die Redaktionsräume betrat, empfing mich mein Kollege Detlef Brenner, alias „Brenni“, mit hektischem Winken aus Richtung des Kaffeeautomaten. „Hier, Susan!“ Dass er umgehend mit mir Kontakt aufnahm, war kein gutes Zeichen. „Du siehst ganz schön geschafft aus, hat denn alles geklappt?!“ Brenni erkundigte sich stets sehr mitfühlend, wenn ich von einer Reise zurückkam. Er war überhaupt ein toller Kollege. Während er auf meine Antwort wartete, zapfte er sich einen heißen Kaffee an unserem brandneuen Automatenmonstrum. „Hallo Brenni, Mann, das war vielleicht ein Vortragsmarathon! Ich dachte, dass nimmt gar kein Ende mehr! Aber trotz allem, hochinteressant, ich hab schon 'ne Menge auf dem Rückflug geschrieben, wird bestimmt ein toller Bericht!“ Ich legte meine dicke Winterjacke auf einen Stuhl neben den Automaten und wollte Brenni nacheifern: Einen heißen Milchkaffee hatte ich mir jetzt echt verdient. „Du hast dein Laptop auf dem Schreibtisch vergessen. Ich hab mir eine Benachrichtigung aber gespart – du warst ja eh schon im Flieger.“ – „Ja, ich hab's auch erst über den Wolken bemerkt, aber du kennst mich doch, hab ja immer mein Blackberry dabei. Ohne geht gar nix. Und bei euch hier? Fliegt schon wieder die Kuh?“ Damit versuchte ich Brenni gegenüber besondere Ruhe auszustrahlen, denn ich wusste, wie schnell er zappelig wurde, wenn sich Termine häuften oder Unvorhergesehenes passierte. Er schlürfte seinen Kaffee aus dem Pappbecher und nickte dabei so heftig mit dem Kopf, dass ich schon befürchtete, er würde die heiße Flüssigkeit verschütten. „Du, stell dir vor, der „Captain“ hat mir heute früh gleich zwei Termine aufgebrummt, jetzt soll ich morgen Abend zu einer Preisverleihung und gleichzeitig noch einen Artikel zu dem komischen Theaterstück schreiben, … weißt doch, diese moderne Inszenierung von dem Japaner, von dem alle zurzeit reden – wie heißt der noch gleich? So ähnlich wie >Quasimodo<.“ Ich lachte laut auf. „Nee, Brenni, der heißt Takio Moto!“ Auch mein Kaffee war inzwischen aus dem Brühroboter geflossen und mit Milch vermischt. Der Duft weckte meine müden Lebensgeister und ich nahm überzeugt einen großen Schluck. Ich glaubte an die Wirkung von Koffein wie an einen Gott. Beide mit diesem typischen Pressegetränk bewaffnet, suchten wir unsere Schreibtische auf. Brenni und ich teilten uns ein Büro. Mit ihm zu arbeiten war angenehm, denn Brenni entpuppte sich schnell als Mann der Sorte, die für mich komplett ungefährlich war. Eigentlich war er gar nicht uneben. Etwas konservativ vielleicht; – im Auftreten und in der Wahl seiner Aftershaves. Er fotografierte leidenschaftlich gerne, so bald er eine Kamera in den Händen hielt, mutierte er zum perfekten Bildjournalisten. In den letzten Jahren gingen ihm an der Stirnpartie die Haare aus, aber uneitel wie er war, überklebte er Lücken mit ein wenig Haargel. Brenni zeigte sich bei Aufträgen immer besonnen, unser beider Selbstdisziplin zeichnete sich in der Redaktion auch vor unserem Boss aus. Die Chefredakteurin hieß eigentlich Katrin Sieger; doch durch ihre stark autoritären Züge und das herbe Gesicht nannten wir sie unter Kollegen „Captain“. Wenn der „Captain“ befiehlt, bleibt nur der Gehorsam. Am Schreibtisch angekommen, klappte ich mein Laptop auf. „Danke, dass du drauf aufgepasst hast, Brenni! Was ist das für eine Preisverleihung, zu der du morgen fahren musst?“ Brenni kratzte sich am Kopf. Mit seinem scharf geschnittenen Profil erinnerte er mich oft beim Nachdenken an die historischen Büsten des Cäsar in jungen Jahren. Man sah ihm seine Beunruhigung an, ob er alle Aufgaben auch in vorgegebener Zeit erfüllen könnte. „Irgendein Musikpreis. Ich hab die Eckdaten noch nicht in den Kalender eingetragen.“ Er tippte mit den Fingern auf den großen Wandkalender, welchen wir benutzen, um den Überblick zu bewahren. „Sag, mal“, begann ich meine Überlegung, „was hältst du davon, wenn ich dich morgen begleite? Als Dank, dass du mein Laptop beschützt hast.“ – „Hast du denn Zeit?“ Sein Blick wirkte immer noch besorgt. „Klar, ich muss mein Essay doch erst nächste Woche abgeben. Die Deadline ist verschoben worden.“ Mein Tonfall sollte bekräftigend wirken. Brennis Gesichtsausdruck heiterte sich schlagartig auf. „Klasse! Das wäre natürlich eine echte Hilfe! Wir könnten uns die Arbeit aufteilen und wären schneller durch. Außerdem … du weißt doch, mit den Popstars tue ich mich immer schwer, – die nerven mich tierisch, mit ihren Allüren ...“ Damit war der Deal klar. Brenni wusste, im Bereich Promis und Musikszene hatte ich genug Erfahrung und bewegte mich in dieser Umgebung gerne. Ich hatte auch immer ein gutes Händchen für die passende Garderobe, präsentierte mich stilsicher und empfahl Brenni daher für den morgigen Abend, auf seinen sonst so geliebten Pullunder zu verzichten und es mit einem dunklen Hemd und passender Hose zu versuchen. Wir machten uns noch ein paar Notizen zum Ablauf des Events und Brenni bot sich an den Job des Fahrers zu übernehmen, falls ich doch das eine oder andere Glas Sekt trinken müsste. Immer Angst um mein schönes Auto bei solchen Großveranstaltungen, lehnte ich sein Angebot nicht ab; obwohl ich bei jeder Fahrt mit Brenni Unwohlsein in Kauf nehmen musste. Sein Fahrstil war äußerst gewöhnungsbedürftig. Das lag an seiner Vergangenheit als Kurierfahrer. Wenn man mit Brenni fuhr, dachte man immer, es würde die letzte Fahrt sein. Im Stadtverkehr beschleunigte er seinen mittelalterlichen Golf an die Schmerzgrenze des Motors, um an der nächsten Ampel dermaßen in die Eisen zu treten, dass man sich wünschte, nichts gefrühstückt zu haben. Aber man muss im Leben schließlich Kompromisse eingehen, in diesem Fall, zugunsten meines eigenen Fahrzeugs.
CHAPTER 03 Am nächsten Morgen packte ich einen schwarzen Seidenrolli und einen knielangen, schwarzen Satinrock in eine Sporttasche. Zur Sicherheit nahm ich noch eine Krawatte mit, die ich normalerweise gerne selbst zu festlichen Anlässen trug. Ich schmunzelte, sie war mit kleinen weißen Totenköpfen bedruckt und sähe an dem konservativen Kollegen Brenni sicher eigenartig aus. Ins Büro zog ich eine praktische Hose und schwarze Stiefel an, die ich am Abend zum Rock tragen wollte, und war damit bestens gerüstet für die Veranstaltung, auf die ich Brenni begleiten sollte. Im Büro checkte ich nochmals die wichtigsten Eckdaten zu der Musikpreisverleihung, die ab zwanzig Uhr im Friedrichstadtpalast stattfinden würde. Um auf die Interviews mit Gästen und prominenten Musikern vorbereitet zu sein, besuchte ich die zugehörigen Künstler-Webseiten und notierte mir ein paar Informationen. „Schade, ausgerechnet die Seite von der Gruppe >Anodyne< ist im Umbau … ich kann sie nicht abrufen“, teilte ich dem flink tippenden Brenni über meinen Schreibtisch hinweg mit. „Wie? Wer? Ach so, das sind die Gewinner des >Live-Awards<, habe ich gestern auch gelesen. Die sind aber hier aus Berlin, bin sicher, da können wir zur Not auch telefonisch beim Management nachhaken, wenn uns Infos fehlen sollten“, erwiderte Brenni selbstbewusst. Mit mir zusammen im Doppelpack dort aufzulaufen machte ihm Mut. Er war richtig gut gelaunt und lachte sogar, als ich ihm meine Punkkrawatte zeigte. Aber natürlich reichte sein Mut dennoch nicht, sie anzuziehen. Er winkte verlegen ab und behauptete, die Krawatte würde keinesfalls zu seinem dunkelblauen Hemd passen. – Reine Ausrede, dachte ich. Bis achtzehn Uhr schoben wir artig Dienst, ich schrieb weiter an meinem Genetikessay und Brenni an seinem japanischen „Quasimodo“-Bericht. Um kurz vor sieben klappte ich mein Laptop zu und huschte mit meiner Abendgarderobe auf die Bürotoilette. Ich gehöre zu den wenigen Frauen, die in zehn Minuten ausgehfertig sind. Meine schulterlangen dunkelblonden Haare trug ich meistens offen, man kämmt sie durch und damit hat sich's. Morgens zog ich mit geübtem Schwung einen wasserfesten Eyeliner am Wimpernrand meiner grün-braunen Augen entlang, der ohne Probleme durch den Tag kam. Bei bestimmten Veranstaltungen pinselte ich ihn der Haltbarkeit wegen abends nochmals nach. Hose aus. Rock an. Dazu umwickelte ich meine Taille mit einem kupferfarbenen Ledergürtel und schon konnte ich zufrieden ein modisches Outfit mit Rockattitüde im Spiegel bewundern. Ein Zisch meines Lieblingsparfums gab mir Sicherheit. Ich platzierte den Duft immer auf meinen Haaren; dort haftete er am längsten. „Es kann losgehen, Brenni!“, rief ich durch den Flur, wir waren die Letzten in der Redaktion, alle Büros waren längst verwaist. Darum nutzte ich die Gelegenheit und drehte die Musik, die aus Brennis PC kam, lauter. So laut, dass Brenni kopfschüttelnd zu seinem Schreibtisch eilte, um den Rechner besser gleich herunterzufahren. „Wir müssen uns sowieso auf den Weg machen.“ – „Mensch, Brenni, sei doch nicht immer so übergenau, die Stars laufen uns schon nicht weg!“, frotzelte ich, während ich meine Jacke anzog. Vom Büro bis zum Friedrichstadtpalast brauchte man im Normalfall eine knappe Viertelstunde, aber am Abend musste man an manchen Stellen Stopandgo einkalkulieren. Am Steuer wurde Brenni sichtlich nervöser und machte seinem Fahrstil wieder alle Ehre. Ich nahm mir vor gelassen zu bleiben und darauf zu vertrauen, dass sein allzu dichtes Auffahren auf den Vordermann ohne Konsequenzen bleiben würde. Das nächtliche Berlin zeigte sich von seiner eiskalten Winterseite und ich zweifelte langsam, ob es die richtige Wahl war, einen Rock anzuziehen. Innerlich beruhigte ich mich damit, eine warme Strumpfhose zu tragen, während Brenni wieder einmal mit einer Vollbremsung vor einer roten Ampel den Wagen zum Stehen brachte. „Shit!“, fluchte er halblaut und tat wieder so, als wäre eine Bande Mafiakiller hinter uns her. „Hey, wir sind doch gleich da, nun mach mal keinen Stress!“ Ich hielt es für sinnvoll, ihn zu ermahnen und mir selbst Mut zuzusprechen. Mich wunderte immer wieder, dass mein Kollege seit Jahren unfallfrei fuhr, zumal er seine alte Klapperkiste gerade so durch den TÜV bekam und sich öfter in Werkstätten aufhielt als bei sich zu Hause. Die Heizung war auch defekt, man sah unseren Atem, wenn wir uns unterhielten oder Brenni fluchte, sobald die „grüne Welle“ endete. Rechter Hand tauchte der Friedrichstadtpalast vor uns auf. Vor dem Haupteingang herrschte bereits kurz vor acht Uhr dichtes Gedränge, verursacht durch Presse, Künstler, geladene Gäste und eine Handvoll hartgesottener Fans, denen die Kälte nichts ausmachte, solange sie an ihre Idole herankamen und Autogramme ergattern konnten. Wir folgten den Anweisungen eines Parkhelfers und fuhren auf den Presseparkplatz. Brenni hängte sich seine Kameratasche und unsere Presseausweise um, während mir mein Diktiergerät reichte, um die Interviews aufzunehmen. Im Foyer drängten sich die Besucher an der Sektbar. Künstler sah man momentan nur wenige, die meisten saßen bereits im Saal oder bereiteten sich hinter der Bühne auf ihren Auftritt vor. Brenni drängte mich, bereits unsere Position am rechten Bühnenrand einzunehmen, er wollte auf keinen Fall die Eröffnungsshow verpassen. Der Veranstaltungsraum war mit runden Tischen bestückt. An jedem Tisch saßen bis zu fünf Gäste aus der Entertainmentbranche; bunt gemischt durch Vertreter diverser Plattenfirmen, Moderatoren einiger Musiksender oder Radiostationen und etliche Möchtegernrockstars und Popsternchen, die zwar keine Auszeichnung an diesem Abend erhielten, denen es aber äußerst wichtig war, dass die Presse morgen über sie in den Boulevardzeitschriften schrieb. Der Friedrichstadtpalast ist bekannt für sein Varietéprogramm und so mutete die Beleuchtung eher kleinkünstlerisch gemütlich an als modern genug für einen Pop- und Rockmusikevent. Aber die Show überzeugte und so hatte auch ich meinen Spaß, obwohl ich während der Preisverleihung arbeitslos war, weil Brenni seinen Dienst an der Kamera machte und voll konzentriert wie immer keinen wesentlichen Augenblick verpasste. Bei der Vergabe des „Best Live-Awards“ erinnerte ich mich an den außergewöhnlichen Namen der Band ANODYNE. Ein Name für ein Schmerzmittel, das kann ja nur eine Rockband sein, schlussfolgerte ich im Stillen und tatsächlich betrat bei der Preisübergabe eine wilde Gestalt die Bühne. Der extravagante Musiker wurde als Gitarrist der Gruppe vorgestellt. Seine blonden, zotteligen Dreadlocks wogten bei jeder Bewegung wie die Schlangen um Medusas Kopf. Er trug ein unerträglich grünes Longsleeve und eine schwarze Cargohose, in die etliche Risse und Löcher gerupft waren. Unerwartet kühl und ruhig für eine Hardrockband bedankte er sich unspektakulär bei den Fans und einem Sponsor, reckte den Preis in Form eines stilisierten Mikrofons für die Kameras in die Höhe und sprang mit einem Satz von der Bühne, um rechts hinter der Bühne zu verschwinden; dabei flitzte er an mir vorbei, rechnete aber nicht mit meinem Kollegen, der ihn unvermittelt aufhielt, um unser Interview anzukündigen. Ich beobachtete beide aus ein paar Meter Entfernung und deutete das freundliche Lächeln und Kopfnicken des Gitarristen als Zustimmung. Dann verschwand er und Brenni gab mir stolz ein Zeichen. Alles lief wie geplant. Nach der Show verglichen wir unsere Notizen und besprachen kurz, in welcher Reihenfolge wir die Interviews durchführen wollten. „Lass uns 'Backstage' gehen, da finden wir sicher einige unserer Kandidaten auf einmal!“, schlug Brenni vor. Ich stimmte zu und folgte ihm. Hinter der Bühne herrschte ein hektisches Treiben, ein Gemisch aus Journalisten, Musikern und aufdringlichen Fans, ausgestattet mit AAA-Pässen, erwartete uns. Brenni drückte sich entschlossen durch die Menge und bahnte sich und mir einen Weg zu den Künstlergarderoben. „Hier! Das sind die Jungs von ANODYNE!“, kreischte Brenni, neben ihm hatte ein Musiker mit tätowiertem, glatt rasiertem Schädel eine CD in einen verformten Ghettoblaster gesteckt. Ein ruppiger Rocktitel dröhnte durch den Gang. Brenni verzog das Gesicht, es war einfach nicht seine Musik. Er zeigte auf ein Schild an der Tür, hinter der sich unsere erste Verabredung zum Interview befand. Brenni wollte gerade anklopfen, doch die Tür öffnete sich schlagartig und ein hysterisch kicherndes Mädchen im Teenageralter sprang uns entgegen. Sie hielt stark verkrampft, aber glücklich, ein gerolltes Poster in einer Hand und lief ebenso hysterisch gestikulierend an uns vorbei. „Hey guys! Welcome!“, drang der Klang einer sympathischen Stimme aus dem Inneren des Zimmers und einen Augenblick später streckte sich uns der wuschelige Kopf des Gitarristen von ANODYNE entgegen. Er begrüßte Brenni mit Handschlag, blickte dann zu mir. „Ups, – sorry für das >guys<, hab nicht gesehen, dass auch eine Lady dabei ist! Ich bin Eden, der Mann an der Klampfe“, Eden reichte auch mir die Hand und kam gleich zum Kern der Sache. „Was wollt ihr denn von uns wissen? Von welchem Magazin seid ihr denn?“ – „Wir schreiben für die Berliner Zeitung Panorama, … ich wollte mir eure News eigentlich über eure Website reinziehen, aber ich konnte sie nicht aufrufen.“ Ich verfiel sofort in den typischen Musikerslang, als ich Eden antwortete, und war gespannt auf das weitere Interview. Hinter Eden saßen die restlichen Mitglieder der Band auf einem braunen Ledersofa. Eden bemerkte meinen schweifenden Blick und ergänzte: „Das sind Lazey und Dave, Basser und Trommler.“ – „Gratulation zum Preis!“, rief Brenni, während er seine Kamera in Position brachte und die Jungs in ein Blitzlichtgewitter tauchte. „Wir sind gerade mit unserem Label umgezogen“, fuhr Eden fort, „darum ist unsere Page offline. War zeitlich nicht gerade geschickt, aber ehrlich gesagt hatten wir mit dem Preis auch nicht gerechnet; wir stehen nicht so auf Mainstreampreise und propagieren eher den Underground.“ Er schaute mich dabei provozierend genau an und rechnete wohl mit einem Kommentar der Verwirrung meinerseits. Aber er kannte meine Beherrschtheit nicht, die ich im Dienst zeigte. Ich blickte provozierend entschlossen zurück, dabei fiel mir auf, dass seine Augen fast so unnatürlich grün waren wie sein Sweatshirt. „Warum benennt ihr euch nach einem Schmerzmittel?“ Mein Konter überraschte Eden und ein schräges Grinsen huschte über sein Gesicht. „Unser Sänger hat der Band den Namen gegeben. Er ist mal wieder zu spät, weil er sich um die Dinge des Labels kümmern muss. Ich habe ihn vor zwei Jahren kennengelernt, als ich in Los Angeles auf Urlaub war. Wir haben beide die gleichen Ziele und gerade zusammen eine eigene Plattenfirma gegründet. Unser Baby heißt 'Evila Music'. Er ist für uns der Boss und unser Frontmann.“ Ich hörte begeistert Edens Ausführungen zu, man merkte, dass er Interviews gewohnt war und exakt wiedergab, was man als Zeitungsmensch wissen wollte. Inzwischen rannte Brenni in weiteren Künstlergarderoben herum und schoss seine Fotos. „Ich würde ANODYNE gerne als Aufhänger für unsere Story bringen, immerhin ist die Auszeichnung >Bester Live-Act< etwas Besonderes. Ich muss noch ein paar Interviews machen – seid ihr denn noch eine Weile hier? Dann könnten wir uns später noch weiter unterhalten.“ Wie bei der Konferenz in Helsinki, fühlte ich auch hier eine interne Spannung, an der Sache dranzubleiben. Ich verließ mich oft auf meine Intuition und wollte mehr über diese außergewöhnliche Gruppe erfahren. Eden fühlte sich sichtlich geschmeichelt und steckte mir umgehend seine Handynummer zu, sollten wir uns heute Abend doch aus irgendwelchen Gründen aus den Augen verlieren. Lazey und Dave sackten auf der Couch bei jeder Flasche Bier mehr in sich zusammen und beantworteten lustlos die aufdringlichen Fragen einer TV-Moderatorin. Ich verabschiedete mich von Eden und suchte Brenni. Nach ein paar Interviews gönnten wir uns ein Päuschen an der Sektbar. Brenni blieb bei Orangensaft und Kaffee, denn er war zu geizig für ein Taxi. Ich fühlte mich nach einem Glas Schaumwein richtig wohl und angriffslustig und forderte einige Prominente zu einem Rededuell heraus. Brenni fotografierte und wir gratulierten uns kurz vor Mitternacht zu einer gelungenen Teamarbeit. Wir hatten so viele Daten zusammengetragen, dass wir gelassen alle Artikel spätestens morgen Abend beim „Captain“ abliefern konnten. Die Stimmung war auch unter den Gästen gut und als Brenni mit einem langbärtigen Pressekollegen in der Menge verschwand, nutze ich den Moment, um ein wenig abzuschalten. Ich schlenderte ins Foyer und begutachtete die Karte, die Eden mir in die Hand gedrückt hatte. Es war die Visitenkarte der Plattenfirma „Evila Music“. EVILA. – Das ist ja witzig, wenn man das rückwärts liest, heißt es „Alive“, am Leben sein … Ob das beabsichtigt ist? – Die ganze Band war einfach sehr originell, ich war mir sicher, dass die Jungs als Headliner unseres Artikels bestens geeignet waren. Die „ganze“ Band hatte ich allerdings noch nicht kennengelernt. – Schade, dachte ich, aber vielleicht kann ich ja morgen beim Label vorbeischauen, um den Chef zu sprechen. – Ich beschloss, Eden auf jeden Fall anzurufen. An einem am Haupteingang platzierten Bistrotisch stellte ich mein Sektglas ab und nutzte die Gelegenheit, am Rande des Trubels mein Makeup zu überprüfen. Ich blickte in einen kleinen Taschenspiegel, alles war noch am richtigen Fleck. „Ach, da bist du!“ Als ich den Taschenspiegel wieder einsteckte, kam Brenni auf mich zu. „Der Gitarrist von Anodyne hat mich gerade angesprochen. Wenn du mit dem Sänger noch reden willst, der ist inzwischen auch hier!“ – „Aber klar! Lieber spät als nie!“, erwiderte ich begeistert; konnte ich mir die Fahrt zu dem Label morgen sparen. Nun war ich gespannt auf den Frontmann. Ich schlussfolgerte, er müsse wohl aus den USA stammen, wenn Eden ihn in Los Angeles kennengelernt hatte. Für mich war das auch eine passende Erklärung für die Auszeichnung der deutschen Presse. Die Amerikaner haben's eben einfach drauf, wenn es um Show und Live-Performance geht. Plötzlich ein schriller Pfiff. Brenni drehte sich auf dem Absatz herum. Am Durchgang zum Foyer erkannte ich Eden. Er winkte Brenni zu sich hin. Ich packte gerade meine Utensilien zusammen, um Brenni wieder ins Getümmel zu folgen, als ich abrupt innehalten musste, weil ich eine schwarz gekleidete Person zielstrebig auf mich zukommen sah. CHAPTER 04 Für mich ist es bis heute nicht möglich, diese ersten Momente einer schicksalweisenden Begegnung in wirklich geeigneten Worten wiederzugeben. Inzwischen ist zu viel passiert und meine Schilderung wirkt jetzt so wenig authentisch. Ich weiß nur, dass ich bereits in diesem Augenblick etwas Magisches empfand, fast so, als ob man nach langer Suche das verloren geglaubte Teil eines Puzzles wiederfindet. Auf dem Weg zu meinem Bistrotisch verschlang ich jene Statur eines jungen Mannes, die sich mit festen Schritten auf mich zubewegte, mit meinen Augen. Der Kopf war etwas gesenkt, dadurch bewegten sich seine langen, fast bis zur Taille reichenden schwarzen Haare über sein Gesicht, wie Straußenfedern im Wind. Von der Stirn herab floss eine blutrote Strähne und bedeckte sein linkes Auge. Seine Haut glich ebener Bronze. Er trug ein einfaches schwarzes Shirt mit langen Ärmeln und eine schwarze, fast elegant geschnittene weite Hose und schwarze Turnschuhe. Er wirkte konzentriert, hob den Kopf, als er am Tischchen ankam, und lächelte. Seine dunklen Augen funkelten fremdartig. „Du musst Susan sein, … ich bin Rage.“ Ich fühlte eine aufkommende Nervosität in mir und schwieg. „Ich bin der Sänger von ANODYNE, Eden hat mir erzählt, du willst über uns schreiben. Das freut mich. Wenn du Fragen hast, ich stehe dir hiermit uneingeschränkt zur Verfügung!“ Dabei verbeugte er sich leicht und grinste. Seine freundliche Gesprächseröffnung löste die spürbar angespannte Situation und ich fand sofort zu meiner alten, frechen Form zurück. „Uneingeschränkt?“, fragte ich, im vollen Bewusstsein, anzüglich zu werden. „Wenn du mich etwas besser kennst, wirst du merken, dass ich keine falschen Versprechungen mache“, gab Rage selbstsicher zurück, komplett unbeeindruckt. Ich zögerte mit einer Antwort. „Wieso glaubst du, dass wir uns näher kennenlernen sollten?“ Ich wollte ihn herausfordern, denn ich spürte mein aufkeimendes Interesse. Rage kippte leicht den Kopf, seine rote Strähne fiel zur Seite und gab sein zweites Auge frei. „Ich mache dir einen Vorschlag: Du zeigst mir heute Nacht deinen liebsten Ort in Berlin und ich erzähle dir dafür die Geschichte von ANODYNE ...“ Ich überlegte nicht lange, denn ich empfand eine Faszination von diesem Mann ausgehend und von dieser Nacht. Ich wollte Antworten, so viele wie irgendwie möglich. Rage sollte mein neues Forschungsprojekt werden. Er holte seinen Mantel, ich meine Jacke und als wir in die kalte Winterluft hinausgingen, sendete ich gleichzeitg eine Kurzmitteilung an Brenni. Meine Nacht war noch nicht zu Ende. Ich orderte ein Taxi und wir fuhren zum Infoturm am Potsdamer Platz. Es war kurz nach halb eins; um diese Zeit, und auch noch werktags, herrschte kaum Stadtverkehr. Der Taxifahrer schwieg und ich kam mit Rage ins Gespräch. Am Zielort angekommen, stiegen wir aus. Rage schaute leicht verwirrt auf die riesige Baustelle vor sich, sie sah im nächtlichen Licht der Baubeleuchtung aus wie eine Siedlung auf einem anderen Planeten. „O.k. Das ist also dein Lieblingsort?“ – „Fast!“, entgegnete ich und forderte Rage auf, mir zu folgen. Der Potsdamer Platz war damals ein riesiges, ehrgeiziges Bauvorhaben; von diversen europäischen und asiatischen Unternehmen finanziert. Seit einiger Zeit kletterte ich nach der Arbeit immer an einer Feuertreppe den sogenannten „Infoturm“ hoch. Eigentlich kein echter Turm, vielmehr ein separat stehendes Gebäude, in dem tagsüber die Dutzenden von Touristengruppen im Innern Modelle der fertigen zukünftigen Bauwerke bestaunen konnten. Von oben hatte man einen einmaligen Ausblick, vor allem nachts wirkten die unendlich tiefen Baugruben wie gähnende, aufgerissene Raubtierrachen, aus denen die metallenen Kräne wie Greifarme herausragten. Der Aufstieg über die Außenleiter war sicher und Rage folgte mir ohne Bedenken, als würde er mir bereits blind vertrauen. Die obere Aussichtsplattform wurde von einem Metallgitter umspannt. „So, JETZT sind wir an meinem liebsten Ort!“ Ein eisiger Wind ergriff unsere Haare und Rage zog aus seiner Manteltasche zwei Haargummis hervor. Er reichte mir eines davon. Wir mussten beide lachen. „Also, gemütlich ist dein liebster Ort ja nicht gerade, aber dafür umso beeindruckender.“ Rage verknotete seine langen, nun stark zerzausten Haare in seinem Nacken. Ich tat es ihm gleich, weniger aus der Notwendigkeit heraus als aus Höflichkeit. „Eure Entstehungsgeschichte scheint sehr interessant zu sein.“ Ich zog den Reißverschluss meiner Jacke weiter zu und schaute hinüber zu den beleuchteten Baugruben, die von unzähligen Halogenlichtern der Autos umkreist wurden. Ich wartete auf Rages Geschichte und auf die Antworten, die ich brauchte. Rage stellte sich neben mich und betrachtete die gleichen Erdlöcher. „Dieser Ort, … er hat etwas Geheimnisvolles. Ich kann verstehen, warum du ihn so magst.“ Rage fuhr fort: „Die Geschichte von ANODYNE hat sehr viel mit meinem eigenen Schicksal zu tun. Ich habe fast zehn Jahre in Los Angeles gelebt und dort studiert; Medienwissenschaften und Marketing, dann bin ich Edens Einladung nach Berlin gefolgt. Ich habe in Eden einen wahren Freund gefunden. Wir haben uns in einem Musikclub kennengelernt, beim Jammen. Wir wollten unbedingt zusammen Musik machen und haben nur wenige Wochen benötigt, um herauszufinden, dass wir unsere Ziele nur gemeinsam erreichen können. Wir hatten beide längst genug von den meist korrupten Methoden der großen Plattenfirmen in Amerika und wollten unser eigenes Ding durchziehen. Der Erfolg gibt uns recht und das macht mich glücklich. ANODYNE … ist MEIN Schmerzmittel; gegen all den Kummer dieser Welt ...“ Rage drehte sich zu mir und verschränkte leicht fröstelnd seine Arme. „Kommst du noch mit ins Hotel?“ – „Meinst du DAS, wenn du von >uneingeschränkt< sprichst? Dann muss ich dich darauf hinweisen, dass ich kein Groupie bin.“ Ich meinte das natürlich nur spaßig, aber Rage betrachtete mich erstarrt und das lag nicht allein an der Kälte hier oben. „Du scheinst von Rockmusikern nicht allzu viel zu halten. Nicht jeder, der lange Haare trägt und harte Klänge liebt, schleppt reihenweise Mädchen ab … Eden hat ein paar Drinks vorbereiten lassen und wollte einige Leute von der Show im Hotel begrüßen. Immerhin ist das heute ein besonderer Tag, oder besser gesagt, eine besondere Nacht. Wir haben heute unsere erste Auszeichnung bekommen und das verdient! Unsere Tour letzten Sommer war mehr als kräftezehrend.“ Irgendwie kam ich mir mit der „Groupie“-Anmerkung ziemlich kindisch vor, mit dreißig, ließ mir mein Unbehagen jedoch nicht anmerken. „Verstehe“, fügte ich an, „woher kannst du eigentlich so gut Deutsch, wenn du erst seit zwei Jahren hier lebst?“ – „Ich hatte einen deutschen Freund während meiner Studienzeit.“ – „Wie? Du hast so gut Deutsch gelernt bloß durch deinen Freund?“ Dieser Mann, der gerade neben mir stand und mir so aufrichtig auf meine Fragen antwortete, kam mir langsam unheimlich vor. Aber Rage zuckte nur mit den Schultern. „Na ja, ich mag Sprachen, dann lernt man alles auch schneller.“ Der Wind wurde mittlerweile stetig stärker und wir beschlossen den Abstieg. Kaum waren wir unten, brummte Rages Manteltasche, er zog ein Handy mit Vibrationsalarm raus und nahm das Gespräch an. Eden war der Anrufer und Rages gedankenverlorene Miene hellte sich umgehend auf. Als er auflegte, hatte ich bereits das Taxi bestellt. „Eden hat seinen Plan wohl geändert, er ist mit der Band und ein paar Promis in einen Club umgezogen. Was ist? Kommst du noch mit und interviewst mich weiter oder traust du mir nicht genug?“ – „Tja, was soll ich sagen … “, antwortete ich zynisch, „eigentlich traue ich dir nicht, aber ich komme mit.“ Wir lachten und waren viel zu euphorisch in dieser Nacht, um spaßbremsende Entscheidungen zu fällen. Als wir im Taxi saßen, erzählte mir Rage von seinem Interesse an Verschwörungstheorien, von seinem Umzug nach Berlin, von den Schwierigkeiten bei der Gründung der eigenen Plattenfirma und er erklärte mir, wie er auf die Idee mit dem Wort „Evila“ kam. Am Leben sein bedeutet auch immer zugleich, sich mit dem Bösen auseinandersetzen zu müssen. Diese Wortschöpfung zeige dies deutlich, aber nur dann, wenn man das Wort mit dem Herzen betrachtet. Rage freute sich, dass mir die Spiegelsymmetrie gleich aufgefallen war. Überhaupt bemerkten wir zwischen uns während der Fahrt im Taxi eine erhebliche Affinität zueinander und es war, wie ich es sagte: Ich traute ihm nicht, aber ich fühlte mich angezogen von seiner Lebensart und seiner scheinbaren Tiefsinnigkeit. Je mehr er über sich erzählte und mir gegenüber preisgab, desto unergründlicher wurde er. Ich bekam die Antworten, die ich wollte, aber es warteten noch mehr. Und so war es kaum verwunderlich, dass ich Rage sogar meine Handynummer gab; was ich seit langer Zeit bei neuen Bekanntschaften strikt vermied. Aus gutem Grund. CHAPTER 10 (KEYSCENE 3 / TRACK 4 Soundtrack) Dass Peak üblicherweise erst mittags aufstand, gereichte uns beiden zum Vorteil. So konnte ich morgens meinen Termin auf der Musikmesse absolvieren, ging mit einigen Kollegen am Nachmittag noch einen Happen essen und stand um acht Uhr zur 'Tagesschau-Zeit' bei Peak vor der Tür. Es roch nach seiner Leibspeise, als er öffnete. „Hallo Peak, na?! Gibt's wieder belgische Pommes?“, wollte ich wissen. Peak freute sich mich zu sehen, bat mich in seine übersichtliche Zweizimmerwohnung und sprang zeitgleich hektisch in die Küche zurück, damit seine Fritten nicht verkohlten. Derweil schaute ich mich in seinem Wohnzimmer um, welches eigentlich eine reine Arbeitsfläche mit zusätzlicher Sitzgelegenheit, einem Couchtisch, einem kleinen alten Fernseher und einer Topfpflanze war. Die Wände hatte Peak alle in einem Mausgrau gestrichen, an denen schrill-bunte Motive von Fraktalen hingen. Als Anhänger der Chaosforschung verband ihn mehr mit der Liebe zum Prinzip der Rekursion als zu irgendwelchen Männermagazinen. Demnach entdeckte man eher Computerhefte und Ausdrucke aus dem Internet über informationstechnologische Neuheiten und sein Schreibtisch mit diversen Rechnern, Peripheriegeräten und mehreren Monitoren nahm den Großteil des Raumes ein. Jedes Mal, wenn ich diese Wohnung betrat, suggerierte sie eine geheime Schaltzentrale irgendeines Agentenverbundes aus einem französischen >>Alain-Delon-Film<<; man blickte unterbewusst zu angewinkelten, halb offenen Türen, weil man das Gefühl nicht loswurde, es könne jederzeit aus der Ecke ein maskierter Rächer ins Zimmer springen. Peaks Computer summten und brummten wohlig vor sich hin und strahlten die Atmosphäre eines Umspannwerkes aus. Man musste sich daran gewöhnen, aber Peak war so ein netter, herzlicher Zeitgenosse, dass man seine Lebensweise anstandslos hinnahm. Alle Monitore, fünf an der Zahl, unterschiedlicher Größe, strahlten ein kühles Licht ab und dies überzog einen mit fahler Leichenblässe, wenn man in ihre Nähe kam. Ich beugte mich leicht nach vorne, um zu sehen, woran Peak gerade arbeitete, aber außer massiven Zahlen- und Zeichenkolonnen einer Maschinensprache und einigen Tabellen erkannte ich nichts, was für mich verständlich gewesen wäre. „Voilà – extra frisch aus dem Ofen, mit handgekaufter Mayonnaise und selbst gezapftem Ketchup!“ Ich schaute von den Bildschirmen auf einen großen Teller knuspriger Kartoffelstangen mit roten und weißen Sprenkeln. „Stimmt es eigentlich, dass ihr Belgier so gute Liebhaber seid, weil ihr so viel Kartoffeln esst?“, witzelte ich und konnte mir die Anmerkung über seinen heftigen Pommeskonsum nicht verkneifen. „A oui, dass das auch schon zu euch nach Deutschland durchgedrungen ist?! Bitte, greif zu! Wir haben eine lange Nacht vor uns, das kann ich dir versprechen!“ Peak stellte unerschrocken den fettigen, heißen Teller zwischen seine Stapel von Ausdrucken. Für einen Fremden mochte die Oberfläche seines Schreibtisches ein komplett chaotisches Bild geboten haben, aber Peak fand jede wichtige Information mit einem Handgriff. Er war quasi der „Herrscher über das Chaos“. Ich hielt mich mit dem Naschen von Fritten ein wenig zurück, hatte ja gerade erst gegessen und war zudem von dem konzentrierten Geruch, der sich in der kleinen Wohnung staute, jetzt schon pappsatt. Peak knusperte ein paar Stangen, bot mir einen Bistrostuhl an und setzte sich selbst in seinen bequemen Bürosessel vor die Bildschirme. Dann nahm er seine orangegetönte, höchst auffällige Sehbrille, schob sie sich auf seine Nase und scheuchte seine abgegriffene „Maus“ über den Tisch; eigentlich war der ganze Schreibtisch ein einziges riesiges Mousepad. Peak hatte die Tischplatte mit einer Gummimatte abgedeckt, sodass alle Mäuschen genug Auslauf fanden. „Hier. Das ist die Ebene vor dem Administratorlevel der GenTEC-Seite. Wie du siehst, teilen sich mehrere Benutzer den Admin-Level. Geteilte Macht also. Man kann davon ausgehen, dass diese Organisation sehr wohl hierarchisch aufgebaut ist, aber keinesfalls diktatorisch. Das erschwert den Zugang zu den oberen Ebenen, weil man mehrere Zugänge überwinden muss. Jedenfalls habe ich über das Verschwinden von Hendrikson nur herausbekommen, dass er in der Nacht vom zwölften auf den dreizehnten Januar das letzte Mal eingeloggt war, denn das gibt die Registratur hier wieder.“ – Zwölfter Januar. Das war in der Nacht, als ich auf der Musikpreisverleihung war. – Kurz schossen mir die Bilder dieser wilden Episode mit Rage und Eden durch den Kopf. Peaks Finger klapperten verwirrend schnell auf der Tastatur herum, die genauso benutzt aussah wie seine Hauptmaus. Peak fuhr fort: „Und hier siehst du die Liste mit den Log-ins der wohl führenden Mitglieder und diese Updateanzeige, wer zu welcher Zeit online war. Frag mich nicht, wozu die das brauchen; wahrscheinlich eine Art freiwillige Selbstkontrolle, … ich nehme an, dass es auch ortsbezogene Parameter gibt, aber dazu müsste ich in die Admin-Ebene kommen. Anhand der Statistik der letzten Woche kann man sehr gut ablesen, dass bis zum 13. Januar alle Mitglieder regelmäßig online waren. Danach gaben in den nächsten Wochen vier von ihnen keinen Mucks mehr von sich und wie du hier siehst ...“, er tippte mit dem Finger auf eine Tabellenspalte einer statistischen Darstellung, „sind es inzwischen acht 'Onlinetote' ...“ Ich schaute ihn entsetzt an. „Mach bloß keine üblen Späße, Peak, mein Kollege Brenni hat mir gestern Nacht eine SMS geschickt, laut der schwedischen Presse seien zwei GenTEC-Mitglieder an noch unbekannter Ursache gestorben. In Verbindung mit dem verschwundenen Professor steigt das Medieninteresse international, aber niemand weiß, ob Hendrikson noch lebt. Und jetzt? Wie bringen wir deine und die Infos der Presse in einen schlüssigen Konsens? Wie bekommen wir heraus, welche Mitglieder hinter den 'Onlinetoten' stecken?“ Peak klemmte seine Nase zwischen Zeige- und Mittelfinger, als wolle er einen elektrischen Kontakt von seiner Maushand zum Gehirn herstellen. Er kniff seine Augen zusammen und grübelte ein paar Sekunden. Laut seiner Vorstellung von zeitlichen Rechenvorgängen waren Sekunden bereits eine sehr, sehr lange Zeit. Peak dachte schnell und redete langsam, so konnte er immer sicher sein, dass der Output an Informationen korrekt war. Er schüttelte den Kopf. „Das bekommen wir nur raus, wenn wir wenigstens einen einzigen Zugriffscode eines Members haben. Wenn wir Pech haben, kann es aber auch sein, dass man mindestens zwei Codes braucht. Bei ganz großen Unternehmen können die Administratoren nur in Absprache mit einer zweiten Person einloggen – das erhöht die Sicherheit des Systems.“ – „Na toll. Dann schlage ich vor, wir versuchen mittels Suchmaschine an die Namen der Führungsebene zu kommen, vielleicht haben wir ja Glück und es gibt noch weitere Webseiten der GenTEC.“ Peaks Forschungsdrang nahm unausweichlich zu, denn es gab nichts Schlimmeres für ihn als ein ungelöstes Problem. Er startete diverse Suchmaschinen und wir pickten uns einige Ergebnisse heraus, um einen genaueren Überblick über das Netzwerk um die GenTEC zu erhalten. Nach zwei Stunden hatten wir etwa ein Dutzend URLs notiert, denen Peak mittels einer Software die betreffende IP-Adresse zuordnete. An einer Internetpräsenz blieb er aufmerksam hängen. Sie hatte einen amerikanischen Standort und schien eine Art Niederlassung der Labore zu sein. „Aha, … typisch, … die Amis haben immer wieder dasselbe bescheuerte System auf ASCII-Basis, … alter Hut, die Seite knack ich mit links!“, verkündete Peak triumphierend und während sein Dechiffrierungsprogramm seine Arbeit tat, öffnete er eine Flasche Rotwein an dem kleinen Couchtisch. „Wir haben gleich halb elf, … ich schalte mal den Fernseher ein, vielleicht gibt’s was Neues auf NBC.“ Ich nahm die Fernbedienung und wunderte mich, dass ich das TV-Gerät nicht einschalten konnte. „Lass mal – das ist keine gewöhnliche Fernbedienung, sie ist programmierbar und steuert fast alles Elektronische in diesem Raum.“ – „Sicher auch deinen Backofen und die Mikrowelle, oder?“, fügte ich ironisch hinzu, aber Peak blieb ernst: „Nein, noch nicht, aber ich arbeite dran ...“ Dann schaltete er den Fernseher an, betonte aber dabei, dass ich alle internationalen Satellitenprogramme auch über seinen Rechner schauen könnte. Aber ich war froh, mal ein paar Minuten von der Monitorwand wegzukommen und nur auf eine Mattscheibe zu starren. Die Luft roch bereits abgestanden nach einem Fritten-Elektrosmog-Menschensmog-Gemisch und ich öffnete ein Fenster neben dem Fernseher. Sofort drang das Rauschen der Schnellstraße in den sechsten Stock der Stadtwohnung. Peak schenkte uns Wein ein, holte sich aus der Küche die letzten Pommes und wir setzten uns auf die gemütliche Stoffcouch (hatte ich erwähnt, dass sie mausgrau war?). Peak saß neben mir und schaute auf den flimmernden TV-Schirm; dabei hatte er drei große Blätter eines Farnes mitten in seinem Blickfeld. Er war zu faul, die Pflanze, die in einen viel zu kleinen Topf gezwängt war und seinen Couchtisch zierte, auf die Seite zu schieben. Dann lieber so tun, als ob keine Pflanze da wäre und durch sie hindurchschauen. Wir verfolgten einen deutschen und einen britischen Nachrichtensender, aber leider ergaben sich keine neuen Erkenntnisse, außer dass inzwischen der Fall an die Interpol weitergeleitet worden war. Die Briten erwähnten zudem, die beiden toten Biologen hätten in dem GenTEC-Labor in London gearbeitet und eventuell sei ein Unfall mit Mikroorganismen nicht auszuschließen. „Ein Unfall mit Mikroorganismen? – Na super! Jetzt setzt gleich wieder die Pandemiehysterie in der Weltpresse ein … auf solche Schlagzeilen wartet doch die stumpfgeistige Masse bloß; haben sie wieder einen Grund, die Apokalypse auszurufen, die Wissenschaft für ihr verkorkstes Konsumleben verantwortlich zu machen und die Apotheken nach Heile-Heile-Mitteln abzuklappern.“ Ich musste über Peaks Bemerkung schmunzeln und ergänzte: „Und vergiss nicht, wie sich wieder die Pharmariesen freuen, wenn sie der Welt wieder ihre tollen Antiviruspräparate aufs Auge drücken können, von denen keiner weiß, ob sie überhaupt eine Wirkung besitzen, … sie scheffeln Milliarden bei solchen Pressemeldungen!“ Ein aufdringliches Piepssignal unterbrach mich. Es kam von Peaks Rechner. „Ah! Wir haben ein Ergebnis!“ Peak nahm wieder vor seiner Monitorwand Platz und freute sich wie ein Millionenquizgewinner, als er das Passwort einsetzte und tatsächlich Zutritt in den Mitgliederbereich der amerikanischen Seite erhielt. Dort befand sich eine Liste von Namen, in der auch Hendrikson auftauchte. Dahinter stand eine neunstellige Nummer. „Hm … könnte eine Zugangsnummer oder eine Telefonnummer sein … ich check mal die Nummer im Vorwahlregister der USA.“ Peak war voll in seinem Element, während sich ein unerwartetes Gewitter über Frankfurt austobte und der Wind den metallenen Jalousierollo ans Fenster klatschte. Ich sprang auf, um es zu schließen. Blitze schossen vom Himmel und untermalten unsere aufregende Recherche mit filmreifer Beleuchtung. „Susan, ich glaube, es ist doch eine Telefonnummer, … sie hat die Vorwahl von Boston.“ Boston? Ich horchte auf. Hatte Rage mir nicht in seiner Mail geschrieben, er wäre mit Anodyne diese Woche dort?- Ich packte mein Laptop aus und rief die letzten E-Mails ab. Tatsächlich! Er müsste ab morgen in Boston sein. „Rage ist morgen mit seiner Band dort. Ich könnte ihn fragen, ob er für uns ein paar Nachforschungen anstellt.“ Peak nahm seine Brille ab und rieb sich den Nasenrücken. „Meinst du, es wäre klug, ihn damit zu beauftragen? Ich meine, du weißt so wenig über ihn. Ist nicht so, dass ich ihm das nicht zutraue, aber wenn er was Falsches macht, verrät er vielleicht unsere ganzen Nachforschungen.“ – „Wir haben keine Wahl, Peak, wir müssen jeden Strohhalm ergreifen, sonst schnappt uns die Story jemand von der Konkurrenz weg! Wenn wir über den Verbleib von Hendrikson etwas herausbekommen – was glaubst du, was diese Nachricht wert ist! Ich meine, diese Telefonnummer, … sie steht doch nicht ohne Grund hinter seinem Namen!“ Peak verstand, dass diese Recherche durchaus uns beiden lukrative Verkäufe an die Presse bringen könnte, und Geld konnte Peak immer gebrauchen! Wir wussten zwar, dass die Vorwahl der Nummer auf Boston hinwies, aber mehr auch nicht. Eine eindeutige Zuordnung war nicht möglich. „Könnte eine Geheimnummer sein … und nun?“ Peak wandte sich mir zu und ich überlegte. Konnte ich Rage genug trauen und ihm von unseren Ergebnissen berichten? Nachdem ich Peak gebeten hatte einen starken Kaffee zu kochen und tatsächlich feststellte, dass er die Kaffeepötte gespült hatte (was er sonst nur widerwillig ausführte und einige Tassen setzten wochenlang in seiner Spüle undefinierbare Krusten an), trank ich ein paar belebende Schlucke und bekam wieder genug Energie zum Denken. Wir hatten bereits Informationen, die andere nicht besaßen, und ich beschloss, mir diese Chance auf einen sensationellen Artikel nicht entgehen zu lassen. Ich musste Rage informieren! Gegen halb vier Uhr morgens verabschiedete ich mich von Peak und fuhr zu Ramira. Sie hatte mir ein kuscheliges Bett auf der Wohnzimmercouch hergerichtet und mir einen Zweitschlüssel überlassen, sie wusste, wenn ich von einem Besuch bei Peak zurückkam, brach immer der Morgen an. Ich rechnete, welche Uhrzeit wohl gerade bei Rage in den Staaten war, wickelte mich in die mollige Decke und schickte Rage eine SMS. Das war mir deutlich sicherer als eine E-Mail, gerade seit ich bei Peak erleben durfte, wie leicht elektronische Daten im Internet lesbar waren. – Wenn wir umsichtig genug sind, kann uns nichts passieren, versuchte ich mich innerlich zu beruhigen und vertraute auf mein gutes Gefühl gegenüber Rage. Kurz bevor ich einschlief, bekam ich eine Antwort. Rage war tatsächlich auf dem Weg nach Boston und gab zu verstehen, dass er sich bei mir melden würde, sobald er zu der Telefonnummer etwas erfahren hätte. O.k. – ich hatte ihn nun in der Sache mit drin und es war zu spät, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Die Dinge mussten ihren Lauf nehmen. So oder so. Ich schickte verschlafen noch eine Nachricht an Peak ab, wie erwartet war er noch wach und sendete prompt eine Antwort auf meine Nachfrage, ob er noch arbeiten würde: EIN GENIE SCHLÄFT NIE :-) PEAK.
|